Eine Million sechshundertdreitausend siebenhundertsechsundsiebzig – für so viele Menschen ist München ihr Zuhause. Dabei geht es um mehr als bloß den Wohn- und Arbeitsort. In jedem Stadtteil gibt es diese Ecken, die das Viertel erst so richtig besonders machen. Sie stehen nicht im Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit, nicht in den Reiseführern unserer Stadt. Hier passiert das alltägliche Leben. Beim Friseurtermin erfahren wir, dass die Wollverkäuferin nebenan in Rente geht. Am Kiosk diskutieren wir, warum alles teurer wird. Und im kleinen Copyshop freuen wir uns, wiedererkannt zu werden: All das sind Dritte Orte. Sie sind gewachsen, nicht gewollt und viele davon entstehen durch die Menschen, die Du dort findest. Es gibt sie kein zweites Mal.
Ist die Stadt für uns gemacht? Können wie sie verändern?
Gemeinsam dokumentieren wir die Vielfalt, aber auch die Verletzlichkeit dieser dritten Orte. Das Archiv kann auf ganz unterschiedliche Art gefüllt werden. Inspiration und Werkzeug bietet Dir die Methode der "Kartografie der Dinge". Abonniere gerne den Newsletter und wir sagen Bescheid, sobald die neue Phase beginnt und es wieder offene Treffen und Aktionen gibt: Link
Kartografie der Dinge? Dritte*Orte Archiv? Wie kam dazu kam..
Miriam Woreks Idee zu diesem künstlerischen Stadtforschungs- und Archivprojekt basiert auf mehr als acht Jahren Recherche und Projekterfahrung sowie einer eigenen künstlerisch-forschenden Arbeit zu im Verschwinden begriffenen Orten und Dingen. Diese Orte konserviert sie in einem behutsamen Prozess multimedial über Geräusche, Dinge und Atmosphären.
Der Wunsch, ganz unterschiedliche Menschen einzuladen, ihre eigenen Orte erfahrbar zu machen und einander zu entdecken, wurde größer. Ebenso der Wunsch, die Arbeit der Menschen wertzuschätzen, die diese Orte schaffen, für sie sorgen, um sie kämpfen. 2024 fiel die Entscheidung, das Konzept für das Dritte*Orte Archiv und die ästhetisch-ethnografische Methode der "Kartografie der Dinge" zu entwickeln. In enger Zusammenarbeit mit den Gestalter:innen Carina und Marisa Müller (Studio MLLR) entstanden das digitale Archiv, das mobile Archiv und der Stadtforschungsrucksack. All das wächst stets weiter. Danke, an alle, die dieses Vorhaben mit ihrer Zeit und Energie möglich machen.
Die Künstlerin Siyoung Kim hat die Forscher:innenwesten entworfen. Moritz Frisch macht Fotos und Kamera, hier kannst du unseren kleinen Film zum Projekt sehen. Benedikt Karl hat das Archiv in Worte gefasst. Andreas Keller unterstützt bei audiovisuellem Material und der Schreiner Matthias Steinberger hat das mobile Archiv gebaut.
Archivar:innen waren/sind: Jessi Strixner, Elias Valentin Biehler, Carina Dechant, Michal Lipski, Laura Engel, Bassant Genedy und Zerlina Schweighofer. Als "critical friends" dachten mit: Morgane Remter, Miriam Blaimer, Filo Krause, Katha, Ruth Feile, Clara Holzheimer.
Danke an die Münchner Stadtbibliothek für die schöne Kooperation, das Medienzentrum München für die Unterstützung mit Technik und Hinterher für den Radl-Anhänger!
Das Dritte*Orte Archiv ist unter dem Dach der ehrenamtlich geführten Stiftung Kulturator.
Dritter Ort?
Der Projektname verweist lose auf den Begriff der "Dritten Orte", den der Soziologe Ray Oldenburg Ende der 1980er Jahre prägte. Oldenburg bezog sich dabei auf Orte des informellen, freiwilligen Zusammenkommens außerhalb von Zuhause (erster Ort) und der Verpflichtung (zweiter Ort). Orte, an denen wir gern unsere Zeit verbringen, die für unser soziales Leben von Bedeutung sind. Lebendige Orte, an denen wir für uns sind und trotzdem nicht allein. Orte an denen wir einander ungezwungen treffen, ganz ohne Verabredung. Umschlagplätze für Meinungen und Ideen. Orte, an denen wir uns weniger einsam fühlen. Sie machen die Identität unserer Stadt und ihrer Viertel aus. Und sind unverzichtbar für eine lebendige Demokratie.
Es gibt aber noch mehr Perspektiven. Wie bell hooks oder Homi Bhabha, die stärker fragen, wer in solchen Räumen eigentlich Platz hat und wer nicht.
Was ein dritter Ort ist, definieren hier die Menschen, die ihn nutzen.
Dritte Orte – das ist hier kein Konzept, keine Regel, sondern ein Bedürfnis. Die Frage ist daher: Für wen bedeutet das eigentlich was?
Neben vermeintlich unspektakulären alltäglichen Orten, an denen sich Gesellschaft mischt, können das auch subkulturelle Räume sein oder auch Orte, an denen gerade kein sozialer Austausch stattfindet. Wenn man beispielsweise an die Bedürfnisse von Menschen mit sozialen Ängsten oder solchen, die schlicht und einfach erschöpft sind, innerhalb von Städten denkt, kann eine Bank im Friedhof zum dritten Ort werden.
Manche dieser Orte existieren nicht mehr..
Vielleicht mussten sie Luxuswohnungen weichen. Oder die Besitzerin konnte keinen Nachfolger finden. Aber die selbstgemachten Pide, das kleine, vollgestopfte Schaufenster, der unverwechselbare Geruch oder der letzte Abend bleiben in Erinnerung. Vergangene Orte wollen wir genauso festhalten wie die, die es glücklicherweise (noch) gibt. Gerade jetzt verschwinden sehr viele dieser Orte. Was bleibt, ist eine kleine Notiz in der Zeitung, manchmal auch nichts. Und immer wieder kommen neue Orte hinzu. Manche von ihnen haben nur für bestimmte Teile unserer Gesellschaft eine besondere Bedeutung, als Rückzugsort, an dem man sich wohl fühlt und nicht erklären muss.
Ein Archiv von Unten
Weil hier alle beitragen und selbst entscheiden können, was genau und wie sie die Orte und Visionen erfahrbar machen, entsteht ein vielstimmiges Archiv, das allen offensteht – ein Archiv von unten.
Gemeinsam machen wir sichtbar, was es gab, gibt und geben sollte:
Wir wollen aber nicht nur erinnern, festhalten und konservieren. Wir wollen auch utopisch denken: Wie könnte man den seit Monaten verwaisten Karstadt wieder mit Leben füllen, was bräuchte es, um aus der kargen Grünfläche oder dem Denkmal nebenan einen Ort zu machen, an dem Du gerne Zeit verbringst? Gibt es Projekte oder Ideen in anderen Städten, die man hier auch ausprobieren könnte?
Wir begeben uns auf die Suche: mit Dir, mit Euch, für alle.
Bei all dem bist Du und dein eigener Blick auf die Stadt gefragt: Jede:r kann mitmachen – mit mehr oder weniger Zeit, als Ideengeber:in, Zeitzeug:in oder Stadtforscher:in.
Wie es jetzt weiter geht (Juli 2026)
Das letzte Jahr hat die Basis gelegt und gezeigt, wie viel mit einem kleinen Kernteam und zahlreichen ehrenamtlichen Mitwirkenden möglich ist bzw. möglich wäre. Denn die interaktive Karte kann, will und wird nie vollständig sein. Als Langzeitprojekt soll es über die nächsten Jahre wachsen – in Kooperation mit Städten, Gemeinden, Einrichtungen, Projekten, Vereinen, Kollektiven und Akteur:innen (etwa aus Forschung, Stadtteilarbeit, Stadtentwicklung, politischer Bildung oder Stadtgeschichte).
Aktuell nehmen wir uns Zeit, die Pilot- und Entwicklungsphase auszuwerten, die nächsten Schritte zu denken und ein Modell für die Zukunft zu entwickeln. Um das Archiv für alle zugänglich zu machen und Teilhabe zu ermöglichen braucht es auch Förderung. Für Gespräche mit Städten, Gemeinden, Stiftungen und potenziellen Förderern: hello@dritteortearchiv.com